Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose

Viele Medien berichten gerade von einer Studie (pdf) an der Oldenburger Universität, derzufolge Grundschullehrer mit bestimmten Vornamen Vorannahmen hinsichtlich Fertigkeiten und Leistungen  verbinden, was zu konkreten Erwartungen dem jeweiligen Kind gegenüber führen kann. Die Erwartungen erstrecken sich über Verhaltensauffälligkeit, Leistungsstärke und Persönlichkeit des Kindes.

Erschreckend scheint in der Studie zu sein, wie wenig kritische Distanz Lehrer zu ihren eigenen Vorannahmen haben. Erschreckend auch, wie polemisch und auch sachlich grenzwertig in den Kommentaren der FAZ auf ein Interview mit Astrid Kaiser reagiert wird, die diese Studie/Masterarbeit betreut hat. So meint der erste Kommentar zum Schluss:

Ich glaube nicht, dass sich ein Lehrer am Ende des Tages von irgendwelchen Namen blenden lässt, sondern unterm Strich die Leistung benotet. Schließlich haben auch Kevins das Recht, in einer Klassenarbeit ein „sehr gut“ zu schreiben.

Das Problem liegt ja nicht darin, dass der Lehrer eine gezeigte Leistung falsch bewertet.

Das Problem liegt eher darin, dass der Schüler dieses Lehrerfremdbild in sein Selbstbild übernimmt:

Die Angst, für unzulänglich befunden zu werden, beeinflusst kurzfristig die Leistungsfähigkeit (z.B. in einer Prüfung), kann aber auch langfristige Auswirkungen haben: Der Anspruch an die eigenen Schulleistungen sinkt, Herausforderungen werden vermieden und Schulleistungen verlieren ihre Bedeutung für das Selbstwertgefühl.

Aufgrund seiner Erwartungen sendet der Lehrer bestimmte Signale: besondere Aufmerksamkeit, Aufrufen, Ermunterung, Kritik, Lob auch für Leistungen „im Ansatz“ usw., die zeigen, dass  er ihn für weniger leistungsfähig hält. Dies kann dazu führen, dass der Schüler die Einschätzung des Lehrers übernimmt und in seine Selbsteinschätzung überführt (Fremdbild wird zum Selbstbild). Er tut dies gerade weil er dem Lehrer und dessen Einschätzung vertraut und richtet nun sein Verhalten im Unterricht danach aus: z.B. „Ich bin schwach, traue mir wenig zu, melde mich, wenn es weniger risikoreich ist, riskiere keine schweren Aufgaben, und die Hausaufgaben kann ich wahrscheinlich sowieso nicht …“).

Der Lehrer wiederum erhält so vom Schüler bestätigt, dass eine Erwartungen zutreffen und seine Einschätzung richtig war. Und verstärkt weiter (unabsichtlich!!) die negative Selbsteinschätzung des Schülers. Die Lehrererwartung wurde zur self-fulfilling prophecy (vgl. hierzu auch den „Pygmalion-Effekt“ und das Experiment von Rosenthal (Weidenmann & Krapp S. 410f oder Tücke S. 221f)

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