Archive for the ‘Sonderpädagogik’ Category

Behinderung kein Sachmangel für Nachbarhaus

10. Dezember 2009

Das Landgericht Münster hat entschieden:

Weder die Anwesenheit des behinderten Kindes, noch die von diesem ausgehenden Geräusche würden zum Schadensersatz berechtigen. Die Begegnung mit behinderten Menschen gehöre zum „allgemeinen Lebensrisiko“, so die Richter in ihrem Urteil. Im übrigen sei das Mädchen durch das Benachteiligungsverbot im Grundgesetz, ihr allgemeines Persönlichkeitsrecht und das Diskriminierungsverbot im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz geschützt.

Status Wachkoma

22. November 2009

Spon berichtet von einem Belgier, von dem man 23 Jahre fälschlicherweise glaubte, er liege im Wachkoma. Für mich ein Beispiel dafür, warum man bei diesem Thema so vorsichtig sein muss, mit den Menschen und mit dem Anspruch auf Wissen.

Ärzte und Pfleger im belgischen Zolder hatten den Patienten Houben als hoffnungslosen Fall eingestuft, sein Bewusstsein galt als erloschen. Der Belgier, einst Kampfsportler und Ingenieurstudent, war 1983 nach einem schweren Autounfall ins vermeintliche Wachkoma gefallen.

Erst eine neuerliche Untersuchung an der Universität von Lüttich brachte ans Licht, dass Houben in Wahrheit all die Jahre nur gelähmt war. Aufnahmen eines Tomografen offenbarten, dass sein Gehirn fast vollständig funktionsfähig geblieben war.

Inklusive Pädagogik – Begriffsklärung

23. Oktober 2009

Andreas Hinz hat in der ZfH im Mai mal wieder eine Begriffsklärung oder Standortbestimmung von Inklusion versucht. Überraschenderweise diesmal nicht in tabellenform, dafür in Thesen. Dabei bringt er einige Beispiele, wie die sonderpädagogische Arbeit in Zukunft aussehen kann.  Problematisch ist aus seiner Sicht, die „Sonderpädagogisierung“ des Inklusionsbegriffes.

  • Weil Inklusion sich der Heterogenität von Gruppen und der Vielfalt von Personen zuwendet. Heterogenität kann sich z.B. beziehen auf: Fähigkeiten, Geschlechterrollen, ethnische Herkünfte, Nationalitäten, Muttersprachen, soziale Milieus, Religionen, Weltanschauungen, körperliche Behinderungen usw.
    Damit soll deutlich werden: Behinderung ist nur ein Aspekt von Behinderung. So wird er aber kaum benutzt.
  • Mit dem weiten Inklusionsbegriff rücken ganz allgemein Menschen in den Blickpunkt die mit Lernbarrieren konfrontiert sind. Drei Barrieren sind für Hinz bedeutsam: armutsbedingte, kulturelle Vorurteile, und die Konsequenz daraus, der institutionelle Ausscluss.
  • Inklusive Pädagogik unter sonderpädagogischen Aspekten bemüht sich mit Blick auf diese Barrieren um ein schulisches Unterstützungssystem, mit dem der Heterogenität besser entsprochen werden kann.

Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose

20. September 2009

Viele Medien berichten gerade von einer Studie (pdf) an der Oldenburger Universität, derzufolge Grundschullehrer mit bestimmten Vornamen Vorannahmen hinsichtlich Fertigkeiten und Leistungen  verbinden, was zu konkreten Erwartungen dem jeweiligen Kind gegenüber führen kann. Die Erwartungen erstrecken sich über Verhaltensauffälligkeit, Leistungsstärke und Persönlichkeit des Kindes.

Erschreckend scheint in der Studie zu sein, wie wenig kritische Distanz Lehrer zu ihren eigenen Vorannahmen haben. Erschreckend auch, wie polemisch und auch sachlich grenzwertig in den Kommentaren der FAZ auf ein Interview mit Astrid Kaiser reagiert wird, die diese Studie/Masterarbeit betreut hat. So meint der erste Kommentar zum Schluss:

Ich glaube nicht, dass sich ein Lehrer am Ende des Tages von irgendwelchen Namen blenden lässt, sondern unterm Strich die Leistung benotet. Schließlich haben auch Kevins das Recht, in einer Klassenarbeit ein „sehr gut“ zu schreiben.

Das Problem liegt ja nicht darin, dass der Lehrer eine gezeigte Leistung falsch bewertet.

Das Problem liegt eher darin, dass der Schüler dieses Lehrerfremdbild in sein Selbstbild übernimmt:

Die Angst, für unzulänglich befunden zu werden, beeinflusst kurzfristig die Leistungsfähigkeit (z.B. in einer Prüfung), kann aber auch langfristige Auswirkungen haben: Der Anspruch an die eigenen Schulleistungen sinkt, Herausforderungen werden vermieden und Schulleistungen verlieren ihre Bedeutung für das Selbstwertgefühl.

Aufgrund seiner Erwartungen sendet der Lehrer bestimmte Signale: besondere Aufmerksamkeit, Aufrufen, Ermunterung, Kritik, Lob auch für Leistungen „im Ansatz“ usw., die zeigen, dass  er ihn für weniger leistungsfähig hält. Dies kann dazu führen, dass der Schüler die Einschätzung des Lehrers übernimmt und in seine Selbsteinschätzung überführt (Fremdbild wird zum Selbstbild). Er tut dies gerade weil er dem Lehrer und dessen Einschätzung vertraut und richtet nun sein Verhalten im Unterricht danach aus: z.B. „Ich bin schwach, traue mir wenig zu, melde mich, wenn es weniger risikoreich ist, riskiere keine schweren Aufgaben, und die Hausaufgaben kann ich wahrscheinlich sowieso nicht …“).

Der Lehrer wiederum erhält so vom Schüler bestätigt, dass eine Erwartungen zutreffen und seine Einschätzung richtig war. Und verstärkt weiter (unabsichtlich!!) die negative Selbsteinschätzung des Schülers. Die Lehrererwartung wurde zur self-fulfilling prophecy (vgl. hierzu auch den „Pygmalion-Effekt“ und das Experiment von Rosenthal (Weidenmann & Krapp S. 410f oder Tücke S. 221f)

Wozu Theorie?

13. September 2009

So heißt ein Artikel von Markus Dederich in der VHN 2/2006. Folgende Antworten lese ich aus den 10 Seiten heraus:

  • Mythenjagd: Theorie ist Reflexion auf Rahmenbedingungen, Voraussetzungen und Implikationen der Praxis und des Wissens, denen dieses Praxis folgt: wie und was nehme ich wahr; welche impliziten und expliziten Modelle und Denkweisen sind wirksam; welche Konsequenzen haben wissenschaftliche Erkenntnisse, institutionelle Traditionen, gesellschaftliche Aufträge …
    Wozu Theorie: Verneinung absoluter Wahrheitsansprüch
  • Theorie als Versuch, die Dinge aufgrund von Gewissheiten erschütternden Erfahrungen anders zu Sehen bzw. in Frage zu stellen
    „Prozess des Sich-Lösens – von vorgefassten Erwartungen (…), allzu entlastenden Routinen des Wahrnehmens, Denkens, Forschens und auch selbstgewissen moralischen Urteilens“
    Störfunktion: Theorie stört kritisch und produktiv die reibungslose Normalität des Wahrnehmens, Denkens und Handelns

Fazit: „Die Theorie ist Mittel zum Zweck, dem Zweck nämlich, Unterstützung in schwierigen Lebenslagen bereitzustellen und Lebensbedingungen zu verbessern“

Zu wenig Geld für Bildungseinrichtungen

9. September 2009

Update (10.9.09): Auf die Kritik des konservativen Lehrerverbandes soll noch hingewiesen werden

Nach der OECD-Studie investiert Deutschland vergleichseise  wenig in Bildung. Die Rundschau fasst das in dieser Grafik zusammen.

Vergleich der privaten und öffentlichen Ausgaben für Bildung

Vergleich der privaten und öffentlichen Ausgaben für Bildung

Jakob-Muth-Preis

9. September 2009

Schön, dass es einen Preis für inklusive Schulen gibt. Sehr schön finde ich auch, dass dieser Preis „Jakob-Muth-Preis“ heißt. Seine 10 Thesen zur Integration in der VHN 1991 waren in meinem Studium ein Schlüsseltext

Leider finde ich diesen Text nicht online. Daher nur mal kurz die thesen aus diesem kleinen Text zitiert/paraphrasiert:

  1. „Integration ist ein Grundrecht im Zusammenleben der Menschen, das wir als Gemeinsamkeit aller zum Ausdruck bringen.“
    „Wer Kinder und Jugendliche in verschiedenen Schulformen und Schultypen trennt, wird Probleme haben, sie im Erwachsenenalter wieder zusammenzuführen.“
  2. „Integration beginnt in der Französischen Revolution als Demokratisierungsprozess.“
    Demokratien sind gerichtet auf das humane Miteinander und implizieren „den Abbau von Vorrechten einzelner sozialer Gruppen oder Schichten aber auch (…) die brüderliche Verbundenheit aller.“
  3. „Integration ist unteilbar. Sie lässt keine Ausnahmen zu.“
  4. „Integration als Gemeinsamkeit aller ist die Norm, die, weil sie Norm ist, nicht begründet werden muss.“ Abweichungen bedürfen der Begründung.
  5. „Integration sperrt sich gegen eine Defizitorientierung der Schule“
  6. „Integration kann nicht durch Schulversuche begründet werden“. Wohl aber kann die Praxis durch Schulversuche untersucht werden.
  7. „Integration verträgt sich nicht mit dem Sonderschulaufnahmeverfahren“, weil es von einem Klassendurchschnitt und Frontalunterricht her gedacht wird und nicht von individuellen Förderbedürfnissen.
  8. Integration braucht Regelungen hinsichtlich: Klassengröße, Verhältnis behinderter und nicht behinderter Schüler, Teamteaching …
  9. „Integration als Gemeinsamkeit von Behinderten und Nichtbehinderten will gelebt sein.“ Entwicklung eines integrativen Bewusstseins, kein Widerspruchsrecht von Eltern nichtbehinderter Kinder, freie Schulwahl für Eltern
  10. Grundrechte des Grundgesetzes auf Menschen mit Behinderung umformulieren (in Anlehnung an Wocken)

Nicht alle Thesen würde man heute noch so stehen lassen, aber einige sind immer noch, jedenfalls für mich, von zentraler Bedeutung.

Wahlprogramme in Leichter Sprache

8. September 2009

So, Urlaub vorbei. Neues Schuljahr, neue Schule. Privat eine Menge vor, ein bischen wird mir angst und bange. Wird alles nicht so einfach. Schön, dass es zumindest einige Wahlprogramme jetzt in „Leichter Sprache“ gibt. People First gibt die Links dazu.

Behindertenbericht II

10. August 2009

Habe gerade einen Blick in den schon angesprochenen Bericht der Bundesregierung über die Lage behinderter Menschen
und die Entwicklung ihrer Teilhabe
geworfen.

Das Vorwort behauptet, der Bericht sei eine Bilanz von 4 Jahren erfolgreicher Behindertenpolitik.

Stand der Zahlen zu den Schülern und besuchten Schulen: 2006

Lehrermerkblatt Typ-1-Diabetes

7. August 2009

Ich hatte im letzten Schulhalbjahr einen betroffenen Schüler und hatte so einige Unsicherheiten aufgrund von Unwissenheit. Jetzt gibt es ein Merkblatt mit ersten Informationen zum Thema Diabetes – hilfreich.